Rezension in “Widerspruch”

Wer sich heute mit dem Werk Nicos Poulantzas’ und dessen Rezeption beschäftigt, spannt gleichsam einen Zeitbogen vom Umbruchjahr 1968 bis zur Gegenwart. Kurz vor dem Pariser Mai erschien sein erstes Buch, Politische Macht und gesellschaftliche Klassen, das bereits wesentliche Gedanken zur Theorie der Klassen und des Staates beinhaltete, die knapp zehn Jahre später in seinem Hauptwerk, der Staatstheorie kulminierten.
Sein früher Tod 1979 fiel zusammen mit dem Beginn der neoliberalen Transformation des westlichen Kapitalismus, kritische Theorien und marxistische Wissenschaft wurden in den 1980er und 90er Jahren nachhaltig in die Defensive gedrängt. Dass mit dem neuen Aufschwung sozialer Bewegungen und dem „Revival“ linker Gesellschaftskritik ab Mitte/Ende der 1990er Jahre ausgerechnet dem Werk Nicos Poulantzas’ wieder größere Aufmerksamkeit zuteil wurde und weiterhin wird, liegt nicht zuletzt daran, dass einige Theoretiker sich kontinuierlich an Poulantzas’ Begriffen abgearbeitet hatten, wie Alex Demirovic in der neuen Einleitung zu seiner erstmals 1987 veröffentlichten Monografie betont. Er nennt Joachim Hirsch, Leo Panitch und Bob Jessop – eine Reihe, der man den Namen Alex Demirovic unbedingt beifügen muss, bleibt seine Monografie doch bis heute die einzige systematische Einführung in und Auseinandersetzung mit Nicos Poulantzas’ Werk in deutscher Sprache. Für die Neuauflage des Buches wurde nicht nur der Haupttext, in dem zentrale Begriffe und Thesen erläutert werden (was die Rezeptionsschwelle für nicht in Poulantzas’ Terminologie Eingeweihte deutlich senkt), gründlich überarbeitet, sondern auch zwei neue Texte angefügt. „Volkes Herrschaft?“ erschien bereits als Beitrag in Poulantzas lesen und diskutiert die demokratietheoretischen Implikationen der Theorie von Poulantzas und deren Konsequenzen für Strategien eines „demokratischen Sozialismus“, der auf die radikale Transformation des Staates abzielt, ohne die Institutionen der bürgerlich-repräsentativen Demokratie für obsolet zu erklären. Der zweite Text beschäftigt sich ausführlich mit dem Begriff der „Verdichtung“, dem bei Poulantzas, der den Staat in seinem bekanntesten Merksatz als „materielle Verdichtung von Kräfteverhältnissen“ beschrieben hat, zentrale Bedeutung zukommt. Dabei nimmt Demirovic insbesondere aktuelle Veränderungen des (National-) Staates in den Blick.

Die Aktualität Poulantzas’ Theorien streicht auch der Sammelband Poulantzas lesen heraus. Der mit Bedacht gewählte Titel ist nicht bloß Aufforderung, sondern vor allem Herausforderung an die (potentielle) Leserschaft. Im Sinne Louis Althussers wird jeder oder „unschuldigen“ Lektüre eine Abfuhr erteilt, was, wie in der Einleitung betont wird, angesichts Poulantzas’ oft sperriger Sprache auch schwer möglich wäre. Notwendig wäre eine aktive, produktive Lesart, die, sich ihres eigenen Standpunkts bewusst, den Fokus auf Leerstellen und Widersprüche im Text legt, um ein Verständnis für zugrunde liegende Problematiken zu erarbeiten – also Poulantzas jener „symptomalen Lektüre“ zu unterziehen, die Althusser einst für das Kapital eingefordert hatte. Die besondere Qualität vieler der versammelten Texte ergibt sich entsprechend aus den vorgenommenen „Terrainwechsel“, die Poulantzas’ Werk in einen produktiven Dialog mit anderen thematischen Feldern und theoretischen Traditionen treten lassen.

Der Aufbau des Bandes arbeitet sich dabei vom Abstrakten zum Konkreten vor. Im ersten Abschnitt bewegen sich die Beiträge auf der Ebene der Produktionsweise und behandeln Fragen ontologischer und epistemologischer Natur. So stellt Clyde W. Barrow die Frage nach dem Verhältnis von Strukturen und Klassenpraxis in Poulantzas’ „historisch-strukturalistischem“ Ansatz, während Alexander Gallas in seinem Aufsatz eine ähnliche Problematik mit den Begriffen „Form“ und „Kampf“ bearbeitet. Er liest das Kapital mit Poulantzas, um so dessen Verständnis der widersprüchlichen Kombination von Brüchigkeit und Stabilität im Kapitalismus herauszuarbeiten. Bob Jessop diskutiert das Verhältnis der unterschiedlichen Abstraktionsebenen in Poulantzas’ Staatstheorie selbst, d.h. der abstrakten Formbestimmung des Staates im Kapitalismus und der historisch-konkreten Analyse politischer Klassenkämpfe. Auf der Ebene der Formanalyse bewegt sich auch der Beitrag von Joachim Hirsch und John Kannankulam, die für eine „kritische Konfrontation“ der Poulantzas’schen Staatstheorie mit der bundesdeutschen „Staatsableitungsdebatte“ argumentieren. Lars Bretthauer wiederum diskutiert die Begriffe „Materialität“ und „Verdichtung“ bei Poulantzas vor allem in Hinblick auf historisch-konkrete Analysen von Herrschaftsverhältnissen.

Im zweiten Themenblock, „Macht und Herrschaft“, sticht besonders die Aufarbeitung des „heimlichen Dialogs“ (S. 171) zwischen Poulantzas und Michel Foucault hervor. Urs T. Lindner konstatiert dabei einen bei Poulantzas angelegten „Klassenreduktionismus“, den zu überwinden (ohne auf Poulantzas zu verzichten) ein „materialistisch angeeigneter Foucault“ (S. 169) ermöglichen kann. Ebenfalls mit Foucault (und mit Hilfe des Ansatzes der linken „Staatsableitung“) konzipiert Sonja Buckel Grundzüge einer an Poulantzas anschließenden Rechtstheorie. Dies betrifft insbesondere die Rolle des Wissens in bestimmten Machtfeldern, wie auch Ingo Stützle in seinem Beitrag zeigt. Auch er kommt (wenn auch auf unterschiedlichem Wege) zum Schluss, dass die Ansätze Foucaults und Poulantzas’ ergänzend gelesen werden sollten: Foucault als Rekonstrukteur der Macht- und Wissensfelder, Poulantzas als Theoretiker der Begründung ihres Zusammenhangs mit der kapitalistischen Produktionsweise.
Ein besonders interessanter Terrainwechsel gelingt Jörg Nowak, der die Leerstellen in der Theoretisierung der Geschlechterverhältnisse bei Poulantzas mit Erkenntnissen der feministischen Staatstheorien konfrontiert. Ob die von ihm geäußerte Hoffnung auf eine „gemeinsame (..) Rezeptionskultur kritischer feministischer und marxistischer Intellektueller“ (S. 150) begründet ist, bleibt offen. Schließlich ist man(n) auch im vorliegenden Sammelband der von Nowak als ein Problemfeld angesprochenen „männlichen Dominanz innerhalb des Marxismus“ nicht entkommen: von 19 AutorInnen sind 17 Männer.

Um die räumlich-territoriale Dimension der Staatstheorie von Poulantzas geht es in Abschnitt drei. Hans-Jürgen Bieling zeigt mit Hilfe neo-gramscianischer Ansätze sowie den neueren Imperialismustheorien von Sam Gindin und Leo Panitch, wie Poulantzas’ Begriffe auch für die Analyse der europäischen Integration als „Verdichtung zweiter Ordnung“ – wenn auch nur noch als „heuristische Inspirationsquelle“ (S. 234) – nutzbar gemacht werden können. Ebenfalls auf die Transformation von Staatlichkeit im Zusammenhang mit der Transnationalisierung der Produktionsverhältnisse geht Jens Wissel ein, der aber weitaus direkter an Poulantzas und dessen imperialismustheoretischen Überlegungen anschließt. Auf grundlegenderer Ebene liefert Markus Wissen einen äußerst wichtigen Beitrag zu den Begriffen der „Raum-“ und „Zeitmatrix“ bei Poulantzas, der die im deutschen Sprachraum nur zögerlich rezipierten Theorieansätze und Erkenntnisse der „radical geography“ und des „spatial turn“ in den Sozialwissenschaften aufgreift.

Den letzten Teil des Bandes bilden Beiträge, die sich dem Begriff der Krise und damit verbundenen strategischen Handlungsoptionen für die Linke im gegenwärtigen Kapitalismus widmen. Thomas Sablowski untersucht den Zusammenhang von ökonomischer und politischer Krisen als relativ „offene Situationen“ für politische Handlungsfähigkeit, sowohl historisch im Faschisierungsprozess in Deutschland und Italien, aber auch in ihrer Bedeutung für politische Strategien heute. Der Beitrag von Ulrich Brand und Miriam Heigl stellt die Frage nach aktuellen Strategien der Linken, die das Terrain der Kämpfe selbst verändern können. Dabei wird ein „neo-poulantzianisches Forschungsprogramm“ (S. 287) eingefordert, das angesichts der Globalisierung über die nationalstaatsorientierten strategischen Überlegungen Poulantzas’ hinausgreift. Zum Abschluss diskutiert Peter Thomas das Verhältnis der strategischen Vorschläge Poulantzas’ und Gramscis, dem „Weg zum demokratischen Sozialismus“ und dem „Stellungskrieg“, und zeigt, wie trotz aller Kritik des Ersteren an Gramscis angeblicher Befangenheit im Lenin’schen Konzept der „Doppelherrschaft“ deren Kombination „das aktuellste und fruchtbarste Moment des Erbes von Poulantzas sein“ könnte (S. 322).
Die Qualität des Sammelbands liegt nicht nur an der Breite der verhandelten Themen, sondern auch daran, dass nicht willkürlich Brocken aus dem „Steinbruch Poulantzas“ heraus gebrochen, sondern Möglichkeiten, Grenzen und Anknüpfungspunkte „poulantzianischer“ Theorien in verschiedenen Forschungsfeldern diskutiert werden. Die Aufschlüsselung von Grundbegriffen, die von den Herausgebern im Klappentext versprochen werden, kann Poulantzas lesen aufgrund der durchaus vorraussetzungsreichen Texte und der thematischen Breite jedoch nur bedingt leisten – hierfür ist Demirovics Buch umso geeigneter.

Benjamin Opratko
1984, Diplomand der Politikwissenschaft, Redaktion „Perspektiven“, Wien

  • Alex Demirovic: Nicos Poulantzas. Aktualität und Probleme materialistischer Staatstheorie, 2. überarb. und erw. Neuauflage. Westfälisches Dampfboot, Münster 2007 (200 Seiten, 19,90 Euro)
  • Lars Bretthauer, Alexander Gallas, John Kannankulam, Ingo Stützle: Poulantzas lesen. Zur Aktualität marxistischer Staatstheorie. VSA-Verlag, Hamburg 2006 (336 Seiten, 20,80 Euro)

Erschienen in: Widerspruch 52

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