Rezension: Pars pro toto. Zurück zu Marx & Co.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts kursiert das Wort von den “Marxtötern”. In der Tat ist kaum jemand so oft zum “toten Hund” (Marx über Hegel) erklärt worden wie Karl Marx. Nach 1989 sah es eine Zeitlang so aus, als ob das ultimative Urteil über Marx und die Marxismen gesprochen worden wäre.
Die Herausgeber des Sammelbands Das Kapital neu lesen sehen das anders. 1989 ist der Marxismus im Singular in der Tat zur Chimäre geworden. Aber gerade der Untergang des “real existierenden Sozialismus” und die Abwicklung des ideologischen Aushängeschilds “Marxismus-Leninismus” bieten eine Chance, Marx’ Theorie abzukoppeln von der Arbeiterbewegung, der Staats- und Parteimacht und den dazugehörigen Lehrbüchern. Die Herausgeber betrachten das als Chance zur “radikalen marxistischen Selbstkritik”.

Marx neu zu lesen, wird jetzt auch aus einem weiteren Grund möglich. Seit den 1990er Jahren schreitet die 1975 begonnene, monumentale Marx-Engels-Gesamtausgabe zügig voran. Insbesondere für Marx’ Hauptwerk – die drei Bände des Kapital – steht nun eine Ausgabe zur Verfügung, die zuverlässiger ist und neue Zugänge ermöglicht zu einer “polyphonen Marx-Lektüre”. Die 14 Beiträge lösen diesen Anspruch zumindest darin ein, dass sie die Wege und Abwege der Marx-Rezeption aus deutscher, französischer, US-amerikanischer und osteuropäischer Perspektive kenntnisreich, präzis und auf hohem Niveau rekonstruieren. Das ist verdienstvoll und ausreichend für eine Zwischenbilanz. Was dagegen noch aussteht, sind Analysen, die in Neuland vorstoßen.

Keine neutrale Hülle

Auch die Herausgeber und 17 Autoren des zweiten Sammelbands empfehlen das Wiederlesen eines weniger bekannten marxistischen Klassikers – der Staatstheorie (1977) des französischen Soziologen griechischer Herkunft Nicos Poulantzas (1936-1979). Die Aktualität dieses Buchs und der Staatstheorie ergibt sich aus zwei Umständen. Ob emanzipatorische Prozesse, die diesen Namen verdienen, mit dem Staat oder doch nur gegen diesen gelingen, weil kapitalistische Ordnung und Staatsordnung einander bedingen und durchdringen, ist eine Grundsatzfrage, für die Poulantzas das theoretische Feld abgesteckt hat.

Er begriff den Staat als “materielle Verdichtung von Kräfteverhältnissen”, die sich um gesellschaftliche Interessen gruppieren, die keineswegs nur wirtschaftlicher Natur sind. Die Herausgeber schließen hier an und betonen, dass “der Staat entgegen aller Beteuerungen keine neutrale Hülle für politische Projekte darstellt”. In einem thematischen Schwerpunkt des Buchs rekonstruieren Bob Jessop, Lars Bretthauer, Joachim Hirsch und John Kannankulam die Grundzüge von Poulantzas’ Staatstheorie und deren Rezeption in Deutschland. In weiteren Kapiteln geht es um die Defizite der Staatstheorie (Max Koch, Jörg Nowak), um “die juridische Verdichtung der Klassenverhältnisse” (Sonja Buckel) sowie das Verhältnis von Foucault und Poulantzas (Urs T. Lindner, Ingo Stützle). Abschließend wird die Frage behandelt, was Poulantzas beiträgt zur Strategie “eines Wegs zum demokratischen Sozialismus”.
Rudolf Walther
Jan Hoff / Alexis Petrioli / Ingo Stützle / Frieder Otto Wolf (Hrsg.): Das Kapital neu lesen. Beiträge zur radikalen Philosophie. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2006, 370 Seiten, 27,90 Euro.

Lars Bretthauer / Alexander Gallas/John Kannankulam / Ingo Stützle (Hrsg.): Poulantzas lesen. Zur Aktualität marxistischer Staatstheorie. VSA-Verlag, Hamburg 2006, 334 Seiten, 20,80 Euro.
Erschienen in: Frankfurter Rundschau, 13.12.2006, Seite 43

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